Teilhabe: Verein fordert neue Perspektiven auf Autismus

Der Vermisstenfall des sechsjährigen Pawlos hat in Hessen auch das Thema Autismus in den Fokus gerückt. Ein Selbsthilfeverband setzt sich für eine bessere Unterstützung Betroffener ein.

Zum Welt-Autismus-Tag fordern Selbsthilfe-Vertreter ein Umdenken und mehr Akzeptanz für autistische Menschen. In allen Lebensbereichen werde Betroffenen weiterhin mit viel Unverständnis begegnet und es gebe Benachteiligung, beklagte Autismus Rhein-Main, ein Selbsthilfeverein autistischer Menschen und ihrer Angehörigen.

Aktualität in Hessen hatte das Thema in den vergangenen Tagen durch das Verschwinden des sechsjährigen Pawlos im mittelhessischen Weilburg erhalten, der laut Polizei eine „autistische Veranlagung“ hat. Wie sich dies äußert, sei individuell höchst unterschiedlich, sagte eine Sprecherin des Vereins der Deutschen Presse-Agentur. Generell lasse sich sagen, dass die Wahrnehmung, Reizverarbeitung, Kommunikation und soziale Interaktion von Autisten anders sei als bei neurotypischen Menschen.

Autismus äußert sich individuell verschieden

Pauschale Aussagen, wie sich ein Kind dadurch verhält, ließen sich aber nicht treffen. Bei Pawlos könnten zudem auch weitere Faktoren eine Rolle spielen, sagte die Sprecherin. Häufig komme es im Alltag einer Kita oder Schule zu Problemen, weil die Kinder oft unter Strom stünden und kaum entspannen könnten. Nicht immer sei für Außenstehende erkennbar, warum ein Kind in bestimmten Situationen auf eine bestimmte Weise reagiere. 

Manche Eltern müssten um mehr Förderung für ihre autistischen Kinder kämpfen, andere wünschten sich mehr Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten für sie. „Es gibt eine feine Linie, was ist hilfreich, was macht mehr Stress“, sagte die Sprecherin. Es sei wichtig, dass Betreuungspersonen feinfühlig auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen und sie bei Bedarf auch dabei unterstützen, sich zu regulieren.

Eltern kennen Bedürfnisse der Kinder am besten

Soziale Situationen wie ein gemeinsames Mittagessen am Tisch seien für viele Autisten anstrengend – es sei denn, sie hätten gerade an dieser besonderen Situation Freude oder besonderes Interesse. 

Die umfassende Suche nach Pawlos, bei der auch Lautsprecherdurchsagen mit der Stimme seiner Mutter sowie bunte Luftballons die Aufmerksamkeit des Kindes erregen sollten, lobte die Sprecherin – offenbar hätten sich die Polizei und andere Einsatzkräfte und Helfer sensibel mit dem Thema Autismus beschäftigt. Entscheidend sei, die Aussagen der Eltern des Kindes zu seinen besonderen Gewohnheiten zu beachten.

Ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung betroffen

Autismus Rhein-Main als einer der größten Regionalverbände des Bundesverbandes Autismus Deutschland mit rund 1.000 Mitgliedern setzt sich für ein weniger defizitorientierte Wahrnehmung von Autistinnen und Autisten ein und dafür, stattdessen auch ihre Stärken mehr in den Blick zu nehmen. Man kämpfe für mehr Teilhabe und angemessene Unterstützung, gerade auch in der Arbeitswelt, sagte die Sprecherin. Dazu gehöre etwa eine detailorientierte Wahrnehmung und fokussierte Aufmerksamkeit.

Etwa ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung sind nach Angaben des Vereins autistisch – mit steigender Tendenz durch eine bessere Diagnostik, auch bei erwachsenen Betroffenen. Ziel des jährlichen Welt-Autismus-Tags am 2. April ist es, auf die Lebenssituation und Bedürfnisse von Autistinnen und Autisten aufmerksam zu machen.